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Nachlese

Aus der Ukraine kommen täglich viele Bilder in die Nachrichten. Die meisten sind schrecklich. Sie zeigen zerstörte Häuser, Soldaten mit Gewehren und Menschen auf der Flucht. Es gibt aber auch andere Bilder. Eines davon möchte ich in den Mittelpunkt meiner Gedanken stellen. Es zeigt Menschen irgendwo in der Ukraine, die ein lebensgroßes Kruzifix aus einem Schuppen bergen. Sie gehen dabei mit größter Vorsicht vor, damit nur ja nichts beschädigt wird. Sie wollen das alte Kreuz in Sicherheit bringen, damit es nicht zerstört wird, wie so vieles in diesem Krieg.

Man könnte sich nun fragen, ob diese Leute keine anderen Sorgen haben, als sich um so ein totes Stück Holz zu kümmern. Hat nicht der Gekreuzigte selbst von einem Gott gesprochen, dem die Lebenden wichtiger sind als die Toten? Nein, es scheint gerade dieses Kreuz zu sein, das ihnen jetzt besonders kostbar ist. Zu wissen, dass Jesus auch für sie und ihre Landsleute am Kreuz gestorben ist, gibt ihnen einen Halt, den sie sonst nirgends finden. Das ist etwas, dass ihnen sogar in dieser dunklen Zeit heilig ist. An dem sie sich aufrichten. Das ihnen einen Rest an Menschlichkeit und Würde belässt, den sie nicht aufzugeben bereit sind.

Und noch etwas. Der Gekreuzigte erinnert sie an das Leid ihres ukrainischen Volkes. Auf dem Gesicht Christi erkennen sie den Schmerz derer, die verwundet worden sind. Sein geschundener Körper sieht aus, als wäre er einer von den Gefallenen in diesem sinnlosen Krieg. Das gibt ihnen Trost. Und weil sie glauben, dass der Gekreuzigte der Auferstandene ist, schauen sie so auch auf die Toten. Mit einem letzten Funken Hoffnung, den sie nicht aufzugeben bereit sind.

Vier Menschen tragen ein altes hölzernes Kreuz aus einer Wellblechbaracke. Wer hat wohl schon vor diesem Kreuz gebetet? Wer hat sein Leben in die Hand Gottes gelegt? Wer hat verzweifelt um Hilfe gerufen, weil alles aussichtslos war? Die Menschen in der Ukraine haben schon viel Leid gesehen in der Geschichte ihres Landes. Und fast kommt es mir so vor, als ob das Gesicht des Christus an diesem Kreuz nun noch mehr von Schmerzen gezeichnet ist. So weh tut ihm das, was derzeit dort geschieht.

Ihre Pfarrerin Dorothee Schmitt

 

M. Brezniak, 1983

Buchlesung: Naphtali Brezniak »Birkenland. Gespräche mit meinem Vater Moshe«
herausgegeben von Constanze Jaiser und Uwe Neumärker, Berlin, 2011

Moshe Brezniak wurde am 6. Mai 1917 in der polnischen Stadt Międzyrzec Podlaski, auf jiddisch Mezeritch, geboren. Er starb am 10. Januar 2001 in Tel Aviv, Israel.

Die Tatsache, dass der ehemalige KZ-Gefangene Moshe Brezniak, der die Konzentrationslager Majdanek, Auschwitz, Buchenwald und zuletzt Langenstein-Zwieberge und auch die Todesmärsche überlebt hatte, belegt, dass er alle nur erdenklichen Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten durch die Deutschen kennen gelernt hatte.

 "Es gibt keinen Autor, der beschreiben könnte, was passiert ist. Es gibt keinen Menschen, der begreifen könnte, was beschrieben ist. Unmöglich zu erzählen, unmöglich zu verstehen, unmöglich zu glauben"                                                                                                                                                Moshe Brezniak

Nach seiner Flucht vom Todesmarsch aus dem KZ Langenstein-Zwieberge in der Nähe von Sandersleben reparierte er trotz seiner furchtbaren Erfahrungen nach einigem Zögern den Hauptmotor für die große Wasserpumpe, die die Stadt Sandersleben mit Wasser versorgte.

 

Mit der Buchlesung am Donnerstag, den 27. Januar 2022 in der St.-Marien-Kirche Sandersleben durch Pfarrer Stefan Hansch, Wernigerode, ehren wir Moshe Brezniak und gedenken der Opfer des Nationalsozialismus, der Opfer von Krieg und Gewalt.

Zunächst ein ganz traditionelles Martinsbild. Der römische Soldat überragt den Bettler, hält ihn fest, bekleidet ihn mit der Hälfte seines Mantels. Die Begegnung am Stadttor der französischen Stadt Amiens war keine Begegnung auf Augenhöhe. Auf der einen Seite der Soldat, gut ausgerüstet, mit einem Platz im Leben, anerkannt. Auf der anderen Seite ein Bettler, halb verhungert, halb erfroren, dem Tod nahe. Doch obwohl es keine Begegnung auf Augenhöhe ist, übersieht Martin den Notleidenden nicht, sieht den Bettler in seinem Elend, nimmt sich seiner Not an und rettet ihm das Leben. Martin gibt dem Armen neuen Halt, nicht nur materiell, ich glaube auch seelisch, weil der Bettler erfährt: Ich werde wahrgenommen, ich werde gesehen, ich bin nicht allen gleichgültig, es sorgt sich jemand um mich. Das drückt auch das Bild aus: Martin hält ihn in seinen Armen, der Bettler greift nach dem rechten Arm des Soldaten.

Dieser Griff des Bettlers sucht Halt – einerseits. Ich glaube, es ist aber auch noch ein anderer Blickwinkel möglich. Der Griff des Bettlers schenkt Halt, weil er festhält; weil er Martin, dessen Blick in die Ferne schweift, bei sich festhält, Bodenhaftung gibt.

Der Bettler zeigt Martin – symbolisch gesprochen –, wo sein Platz im Leben ist – bei den Armen; zeigt ihm, was seine Aufgabe ist – den Armen zu helfen; und gibt ihm dadurch Halt.

Dem Soldaten, der seinen Militärdienst längst quittieren möchte, es aber nicht darf.

Dem Eremiten, der die Einsamkeit auf der Insel Gallinara bei Genua suchte.

Der im gallische Marmoutier das erste Kloster des Abendlandes gründete.

Dem Bischof von Tours, der gar nicht Bischof werden wollte und statt einer Wohnung in der Stadt lieber in den Holzhütten vor der Stadtmauer lebte.

Dem Politiker, der den Streit selbst mit dem Kaiser nicht scheute, wenn es um den Glauben ging.

Diesem facettenreichen Mann zeigt – zumindest in meiner Deutung – die kleine Geste eines Bettlers, wo sein Platz im Leben ist: bei den Armen. Und diese Aufforderung gilt nicht nur Martin, sondern auch uns. Lassen wir uns von den Armen zeigen, zu was wir fähig sind und wo unser Platz im Leben ist.

Ihre Pfarrerinnen

Claudia Drese und Dorothee Schmitt

Anfang September und es ist wieder soweit:
Spekulatiusplätzchen und Nikoläuse, Weihnachtskekse und Lebkuchen liegen pünktlich Anfang des neuen Schuljahres in den Regalen der Geschäfte. So stellt sich die Frage: Sollen Marzipankartoffeln und Pfeffernüsse in die Zuckertüte? Würde sich ein Schulanfänger an seinem ersten Schultag darüber freuen? Warum eigentlich nicht?!

Trotzdem bin ich irritiert. Wir haben den Monat September vor uns, dann Anfang Oktober das Erntedankfest - soll ich es etwas mit Glühwein und Elisenlebkuchen feiern? Nach dem Erntedankfest folgen noch acht Wochen bis zum 1. Advent. Das ist eine lange Zeit. Selbst wenn ich in diesen Wochen passend zur Jahreszeit Geld ausgeben möchte - es gibt nichts zu kaufen, nichts, was man jetzt einfach haben muss! Diese drei Monate werden schlichtweg ignoriert.

Das Reformationsfest, der 9. November, der Martinstag, der Volkstrauertag, Buß- und Bettag, der Ewigkeitssonntag: Das sind lange acht Wochen voller Test, Feiertage und Gedenktage! Es ist die Zeit, sich der eigenen wie auch der kollektiven Geschichte unseres Volkes zu stellen.

Das Reformationsfest am 31. Oktober: Luther hat uns den Blick geschärft für den barmherzigen Gott.

Ewigkeitssonntag: Unsere Tage sind begrenzt! Unser Leben ist endlich.

Der 9. November, der Volkstrauertag: Da geht es um Schuld und Versöhnung unserer Nation. Es geht um die vergangene Unfähigkeit, friedlich mitzuspielen im Konzert der Völker - uns zugleich um die Vergewisserung, es in Zukunft besser zu machen.

Der Buß- und Bettag mahnt, genau hinzusehen: Was alles trennt uns von anderen Völkern und von Gott?

Ja, solche gesellschaftlichen Sinn- und Orientierungsfragen führen in die Abgründe unseres Menschseins. So etwas lässt sich nicht werbewirksam vermarkten!

So bleibt mir nur eins: Ich werde mir die Zeit nehmen, das Erntedankfest zu feiern und Gott für die Gaben des Jahres zu danken. Ich werde den Altweibersommer im Oktober ausführlich genießen und mich am Reformationstag über unseren gnädigen Gott freuen. Ich werde im November die Tage der Trauer und der Erinnerung bewusst begehen.

„Alles hat seine Zeit“, schreibt der Prediger im Alten Testament. Und diese Zeit werde ich auskosten. Auf Dresdner Stollen und Punsch freue ich mich jetzt schon: Aber ich werde sie erst ab dem 1.  Advent aus den Regalen nehmen.

Ihre Pfarrerinnen

Renate Lisock, Claudia Drese und Dorothee Schmitt

 

 

Liebe Gemeinden,

vielleicht haben sie es schon gehört, ihre Region hat eine neue Pfarrerin. Das bin ich – und ich möchte mich ihnen an dieser Stelle kurz vorstellen. Mein Name ist Claudia Drese und ich wurde 1981 in Bernburg geboren und bin Zerbst aufgewachsen. Nach dem Abitur habe ich in Halle und Jena Theologie studiert und ab 2008 10 Jahre an der Universität im Fach Kirchengeschichte gearbeitet. Zu Beginn des Jahres 2018 habe ich meine Stelle in der Wissenschaft jedoch aufgegeben und mich entschieden, den Weg ins Pfarramt zu gehen. Mein Vikariat – die praktische Ausbildung zur Pfarrerin – habe ich in Bernburg in der Martinsgemeinde absolviert.

Zu meiner Familie gehören meine in Bernburg lebenden Eltern, ein jüngerer Bruder, der nicht hier wohnt, und eine Patentochter, die – wenn sie denn in diesen Zeiten zur Schule gehen darf – mit Freude in die 3. Klasse geht.

Nun sind die Zeiten für uns als Gemeinden in mehrerer Hinsicht nicht einfach. Die Corona-Pandemie schränkt uns in allen Lebensbereichen stark ein. Da wir uns kaum treffen dürfen, werden wir vermutlich etwas länger brauchen, um uns gut kennenzulernen.

Die Strukturveränderungen in der Landeskirche sind in vollem Gang und werden meine Arbeit mit und bei ihnen beeinflussen, was schon damit anfängt, dass ich für die gesamte Gemeinschaft Süd-West zuständig bin.

Doch lassen wir uns davon nicht beirren. Ich freue mich auf meine erste Pfarrstelle und möchte mich mit ihnen in den nächsten Jahren gemeinsam auf den Weg machen. Und um mit Psalm 23 zu sprechen: wir werden sicher nicht nur finstere Täler durchwandern, sondern auch grüne Auen und frisches Wasser finden.

Ich freue mich auf sie, auf ihre Geschichten und darauf, sie in den kommenden Jahren begleiten zu dürfen.

Bis bald und möge Gott Sie behüten!

Ihre Claudia Drese

Sommeranfang am 21. Juni der längste Tag des Jahres. Ich freu mich: auf lange Abende, auf Baden und Urlaub, auf Kirschen und – auf Weihnachten!

Ja, diese herrlichen Tage mit den kurzen Nächten sind ein guter Anlass, um auch jetzt schon mal wieder an die Heilige Nacht zu denken. Erstens, weil Weihnachten genau in einem halben Jahr gefeiert wird, wenn die Tage am kürzesten und die Nächte am längsten sind. Und zweitens wegen Johannes. Johannes der Täufer. Der Mann, der Jesus angekündigt hat. In ein paar Tagen ist sein Geburtstag. Johannes, so erzählt es die Bibel, war etwas älter als Jesus. Es war seine Aufgabe, auf Jesus hinzuweisen. Gott kommt, hat er gesagt, dann wird sich etwas verändern. Schon wie Johannes selbst zur Welt gekommen ist, zeigt mir, wie das ist, wenn Gott kommt. Da wächst und reift nämlich auf einmal etwas heran, womit kein Mensch gerechnet hätte.

Die Bibel erzählt das so:

Für Elisabeth, seine Mutter, ist es ein ganz besonderes Wunder, dass sie und ihr Mann noch ein Kind bekommen. Sie sind doch eigentlich schon viel zu alt, um Eltern zu werden. Und eigentlich haben sie sich auch schon damit abgefunden. Aber dann wird die ältere Frau doch noch schwanger. Und als der kleine Junge gesund zur Welt kommt, staunen die Leute und freuen sich:

So etwas, haben sie gedacht, da muss doch wohl Gott am Werk sein!

Ich staune da auch manchmal. Fruchtbares Alter. Junges Leben in einem alten Haushalt. Wenn da nicht Gott am Werk ist. Natürlich wachsen die Bäume irgendwann nicht mehr in den Himmel. Aber „Es ist alten Weibern nicht verboten, auf Bäume zu klettern.“ Hat Astrid Lindgren gesagt. Und ich merke an mir: Ich habe keine Lust, in meinen letzten Berufsjahren still auf den Ruhestand zu warten, ich möchte da schon noch etwas gestalten, mich zumindest nützlich machen. In der CoronaZeit habe ich tatsächlich noch auf dem Handy das Erstellen des Status für mich entdeckt und finde das prima.

Sommerzeit, auch wenn‘s schon Richtung Herbst des Lebens geht, so kommt mir das vor. Auch die zweite Lebenshälfte kann eine ganz fruchtbare, lebendige, dynamische Zeit sein, wo es vorangeht und wo ich etwas voranbringen kann. Anders als vor 30 Jahren, klar, ich muss mich gar nicht mit den Dreißigjährigen von heute vergleichen. Ich muss auch gar nicht versuchen, mit ihnen mitzuhalten und so zu sein wie sie. Ich möchte einfach darauf vertrauen, dass Gott bei mir etwas wachsen und reifen lässt, was mir und anderen gut tut.

Daran erinnert mich Johannes, dieser Heilige des Hochsommers. In seinem kratzigen Kamelhaarumhang hat Johannes in der Wüste gelebt, hat sich von Heuschrecken ernährt und hat den Leuten die Leviten gelesen. Denkt dran, Leute!

Rechnet ihr damit, wenn ihr eure Pläne schmiedet und eure Termine macht? Was wollt ihr? Dass möglichst schnell alles wieder so wird wie früher, wie vor der Krise? Fragen, die drängender sind als je und die auch mich zur Zeit beschäftigen.

Johannes erinnert mich daran, dass es durchaus gnädig sein kann, wenn man sieht und hört: So geht’s nicht weiter! Ich habe sogar den Eindruck, dass viele Menschen auf diese Veränderungen warten: Auch ich habe das ja in den letzten Wochen gesehen: Es geht auf einmal ganz viel, wenn es nicht anders geht. Man muss nicht unbedingt fliegen, im Thüringer Wald ist es auch schön. Man muss nicht zu jedem Meeting durch halb Deutschland fahren. Vieles geht auch online – oder ist gar nicht nötig. Ich glaube, wer kritisch in sich selbst hineinfragt, was er anders machen kann, der trägt wie Johannes auch dazu bei, dass Gott seinen Weg in diese Welt findet.

Johannes erinnert mich daran, dass gerade in Krisenzeiten das Leben nochmal eine ganz neue Tiefe und Intensität bekommen kann. Mit der Zeit ist der heißblütige Prediger dann sogar richtig gelassen geworden. „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen.“ So hat er schließlich für sich erkannt und auf Jesus gezeigt. Etwas wehmütig, aber gleichzeitig auch sehr zuversichtlich klingt diese Erkenntnis für mich. Es läuft doch alles auf ein gutes Ziel zu. Christus wird geboren, Gott kommt, er kommt zu mir. Wenn wir anfangen, uns zu ändern.

Wir wünschen Ihnen einen wunderschönen Sommer. Bleiben Sie behütet!

Ihre Pfarrerinnen Claudia Drese, Renate Lisock und Dorothee Schmitt

Wenn es schlimm kommt im Leben, dann fragen viele: Wo ist Gott? Warum kümmert er sich nicht um mich? Wenn man mit ansehen muss, wie Menschen leiden, dann fragt man sich: Wie kann Gott das zulassen? Oder auch: Was ist das für ein Gott, der das zulässt!?

Solche Zweifel überfallen auch die, die sonst eigentlich fest auf Gott vertraut haben. Selbst Jesus, als er gekreuzigt wurde und an der Hinrichtungsstätte qualvoll auf den Tod warten musste, sogar Jesus hat gerufen: "Mein Gott, warum hast Du mich verlassen?"

Das konnte und wollte keiner mitansehen damals. Seine Anhänger und Freunde waren davon gelaufen. Ich kann ihm ja doch nicht helfen, haben sie vielleicht gedacht. Das Elend anderer auszuhalten ist schwer. Nur seine Mutter war am Ende noch da, erzählt die Bibel, eine gute Freundin und ein Freund. Drei Menschen, die ihn nicht allein lassen wollten. Immerhin.

Manche müssen ganz allein mit ihrem Kummer fertig werden. Manche müssen ganz allein sterben. Und das ist schlimm. Aber warum muss man so eine schreckliche Geschichte erzählen? Auch noch nach fast 2000 Jahren? Und warum muss man dieses schreckliche Kreuz aufhängen? Meine Antwort: man muss sie erzählen, weil viele so sterben. Und weil man an diesem EINEN sehen kann: Sogar wer so sterben muss, ist nicht von Gott verlassen. Auch wenn es zunächst so aussieht.

Als Jesus tot war, hat der wachhabende Offizier gesagt: "Dieser Mann war wirklich Gottes Sohn!" In der Sprache der Bibel heißt das: In ihm ist Gott selbst zur Welt gekommen, gefoltert worden und hingerichtet. Gott selbst hält das aus. Damit die Menschen sehen können. Auch den Traurigen ist er nah.

Seitdem glauben wir Christen: Gott ist bereit, auch das Negative auszuhalten. Gott ist nicht nur bei den Erfolgreichen und Glücklichen, nicht nur die schönen Tage und gutes Wetter sind seine Zeit. Gott hält aus bei denen, die leiden, die Kummer haben. Er bleibt bei denen, die versagt haben. Auch wenn es nicht so aussieht. Auch wenn man es nicht spürt und nicht glauben kann: Gott lässt die Leidenden und die Weinenden nicht im Stich. Er hält mit ihnen aus. So wie er am Kreuz ausgehalten hat.

Ich weiß, wie gut es tut, wenn man in schlimmen Situationen nicht allein sein muss. Auch wenn der andere nichts tun kann. Wenn wer bloß da ist, vielleicht meine Hand hält. Das ist schon viel.

Nicht nur in der Passionszeit, sondern darüber hinaus wünsche ich Ihnen, uns, dass wir spüren: Gott ist bei mir. Ganz nah!

Aus den Pfarrhäusern Plötzkau und Sandersleben

grüßen wir Sie herzlich

Ihre Pfarrerinnen

Dorothee Schmitt und Renate Lisock

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Nicht gerade revolutionär, diese Maxime des großen Revolutionärs Lenin. Aber dafür leicht nachzuvollziehen. Wer sich einmal auf die vielversprechenden Worte eines charmanten Vertreters verlassen und dabei vergessen hat, das Kleingedruckte des Kaufvertrags genau zu prüfen, wird Lenin ohne Wenn und Aber recht geben. Und wer einmal von einem Menschen, dem er im Vertrauen Informationen weitergegeben hatte, hintergangen und enttäuscht wurde, wird in Zukunft vorsichtiger sein und so lange Distanz wahren, bis er sich der Loyalität des anderen sicher sein kann.

"Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser."

Lenins Faustregel lässt sich auf alle Bereiche unseres Lebens anwenden: Ob bei der Wahlpropaganda von Politikern und Parteien, ob bei verlockenden Versprechungen der Werbung ­ immer lohnt sich ein Blick hinter die schöne Fassade, eine Stichprobe, ein Test, ob die Worte der Realität standhalten. Besonders notwendig wird eine gründliche Prüfung, wenn wir eine Antwort brauchen auf die wichtigsten Fragen: Wo finde ich Kraft zum Leben? Was lässt mich auch Durststrecken und dunkle Etappen überstehen? Oder wenn wir uns entscheiden müssen, wie wir unser Leben gestalten wollen, an welchen werten und Zielen wir uns ausrichten möchten. 

Bei den Antworten, die uns hier angeboten werden, können wir uns eine Qualitätskontrolle nicht ersparen. Der Apostel Thomas ist der Prototyp eines Menschen, der sich bis zum Grund seines Lebens durchfragt, der nicht blind den Worten seiner Freunde vertraut, der sich seine Glaubensentscheidung nicht leicht macht. Er will selbst dem auferstandenen Jesus begegnen. Er will selbst spüren, dass die Worte, Taten und Ideen Jesu auch nach seinem Tod lebendige Wirklichkeit sind. Und er macht eine umwerfende Erfahrung: Es kommt der Punkt, wo alles Prüfen und Kontrollieren ein Ende hat, wo alles Fragen einmündet in Vertrauen und Glauben. Es kommt die Zeit für das aus Überzeugung gesprochene Bekenntnis: "Mein Herr und mein Gott!" Das könnte unser Leben verändern, das wäre wirklich revolutionär, wenn wir mit Thomas immer wieder den Punkt erreichen könnten, an dem Lenins Satz auf dem Kopf steht:

"Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser."

Tauschen von Frühstücksbroten in der Pause früher in der Schule gab es bei uns nicht, vielleicht auch, weil ich fast immer ein Brot, bestrichen mit Speckfett, bekam. Als ich einmal im neuen Jahr - nachdem ich in einem Päckchen von meinem Patenonkel Mandarinen geschenkt bekommen hatte, eine Mandarine in die Schule mitnehmen wollte, bat mich meine Mutter: „Dorothee, Du hast nicht genug Mandarinen für alle und wenn Du allein isst, dann blutet den anderen das Herz, sei barmherzig.“

Mit ist die Geschichte aus meiner Schulzeit wieder eingefallen, als ich letztens mit einem Bekannten über Barmherzigkeit diskutiert habe. „Ihr Christen mit euer Barmherzigkeit“, hatte mein Gegenüber gesagt, „das ist doch aus Zeiten, als es Herren und Knechte gab. Irgendwie von oben herab. Ich brauche keine Barmherzigkeit.“

Erstmal war ich verblüfft. Für mich ist bis heute Barmherzigkeit ein Grundwert meines Glaubens. Barmherzigkeit ist für mich das Gegenteil von Gleichgültigkeit und Egoismus. Barmherzigkeit im biblischen Sinn bedeutet keine Überheblichkeit oder Gefühlsduseligkeit. Wer barmherzig ist, handelt. Er öffnet sein Herz, wenn einer erzählt, dass es ihm schlecht geht. Er bemüht sich, großmütig zu sein, wo sonst die Geduld an ihre Grenzen kommt. Und er packt an, wo es gilt.

Anpacken, Dasein, wo es gilt, davon erzählt Jesus immer wieder eindrücklich:

Seid barmherzig, wie Euer Vater barmherzig ist.
Lk 6,36

- hat Jesus gesagt. Und „selig sind die Barmherzigen!“.

Während ich diese Gedanken niederschriebe sind wir in der zweiten Pandemiewelle und hoffen, dass bis zum 10. Januar sich die Ansteckungen verringern, nicht mehr so viele Menschen krank werden oder sogar sterben.

Auch in den vergangenen Wochen haben viele Menschen sich trotz körperlichen Abstands umeinander gesorgt und gekümmert. Das macht mir Mut und lässt mich bei allem, was unsicher ist, zuversichtlich in das neue Jahr gehen.

„Werdet barmherzig einander gegenüber, wie euer himmlischer Vater barmherzig ist“, fordert Jesus die Menschen auf. „Lasst einander spüren, dass ihr einander nicht gleichgültig seid.“, So übersetze ich das im Moment für mich, denn ich glaube, dass Gott barmherzig ist. Einer, der sich anrühren lässt von der Not der Menschen, dem wir eben nicht gleichgültig sind.

Und ich glaube auch, dass damit ein Auftrag an mich verbunden ist: dass ich selbst barmherzig sein möge anderen gegenüber.

Für das neue Jahr wünschen wir Ihnen
Gottes reichen Segen

Ihre Pfarrerinnen
Dorothee Schmitt und Renate Lisock

Süßer die Glocken nie klingen / als zu der Weihnachtszeit

Warum eigentlich? Warum klingen uns die Glocken so süß in der Weihnachtszeit? Wenn ich an Weihnachten denke, dann sehe ich auch Bilder vom Weihnachtsgottesdienst vor meinem inneren Auge. Der dunkle Kirchraum, erhellt von strahlenden Kerzen am Tannenbaum. Die geschmückte Kirche, das Krippenspiel. Die frohe, gespannte Erwartung, die in der Luft liegt. Und ich denke an den Weg zur Kirche. Dunkel liegen die Straßen. Vielleicht liegt wieder einmal Schnee am Heiligabend, der unter meinen Sohlen knirscht. Und dann, noch ehe ich die Kirche sehen kann, höre ich die Glocken. Aus der Ferne klingen sie fein durch die klare Luft, dann voll und rund beim Näherkommen. Ein wunderbarer Klang, der mich an ferne Kindertage erinnert, der Geborgenheit ausstrahlt. 

Süßer die Glocken nie klingen /
als zu der Weihnachtszeit,
grad als ob Engelein singen /
wieder von Friede und Freud.

Pfarrer Friedrich Wilhelm Kritzinger

Der Glockenklang: wie ein Engelsgesang. So hat der Pfarrer Friedrich Wilhelm Kritzinger es in seinem bekannten Weihnachtslied ausgedrückt. Und vielleicht ist es das, warum die Glocken so süß klingen zu Weihnachten. Denn die Glocken erinnern mich nicht nur an frühere Feste, sondern sie nehmen mich gleichsam mit hinein in die Weihnachtsgeschichte. 

Wie einst die Hirten zum Stall, so komme ich am Heiligen Abend dazu. Lausche dem Glockenklang wie die Hirten damals dem Engelsgesang. "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen seines Wohlgefallens." Und wenn ich die Kirchentür durchschreite, dann ist es plötzlich, als ob ich wie die Hirten den Stall betrete. Wie sie bin ich ergriffen in Andacht und Freude, die mich ausfüllt. 

"Süßer die Glocken nie klingen" - die Freude über die Wohlklang der Glocken empfinde ich zu allen Gottesdiensten; selbst zu traurigen und frohen Anlässen rufen die Glocken zum Gebet, zum Hören auf das Wort Gottes.  

"Süßer die Glocken nie klingen" - ja, mitten in unserem Alltag verkünden sie ihre Botschaft: Hört her, die Welt ist nicht verloren, Christus ist geboren. So ist jedes Glockenläuten ein Engelsgesang. Jedes Glockenläuten: eine Erinnerung daran, dass Gott selber Mensch geworden ist. Dass der Friede unsere Hoffnung bleibt, mag es auch noch so dunkel um uns scheinen. Nicht nur in der Weihnachtszeit, sondern an allen Tagen unseres Lebens. 

Aus den Pfarrhäusern Plötzkau und Sandersleben
grüßen wir Sie herzlich 

Ihre Pfarrerinnen 
Dorothee Schmitt und Renate Lisock