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„Ich lasse mir meine Freiheit nicht nehmen. Ich will tun und lassen, was ich will.“ Seitdem der erste Schrecken der Corona-Pandemie vorbei ist, hört man das oft. Jetzt gab und gibt es Demonstrationen gegen Maskenpflicht und Kontaktbeschränkungen. Und inzwischen sind immer mehr Menschen ohne Maske unterwegs. Ich sehe nicht ein, warum das nötig ist, sagen sie. Ich will tun und lassen, was ich will.

Vor 500 Jahren hat Martin Luther etwas Ähnliches geschrieben. Im Sommer 1520 kam seine Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ unter die Leute. Bis heute ist das eine der Hauptschriften der Reformation. Was Luther da geschrieben hat, verbreitete sich wie ein Lauffeuer: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan“. Luther hat damals von der Freiheit im Glauben geredet. Wer auf Gott vertraut, der muss sich keinem Menschen unterwerfen. Gott hält sein Schicksal in der Hand und kein Mensch kann daran etwas ändern. Luther hatte das in der Bibel gelesen: „Nichts auf der Welt kann uns von Gottes Liebe trennen“ (Röm. 8, 38f.). Dieser Glaube hat ihn stark und frei gemacht sogar gegen den Kaiser und den Papst aufzustehen und zu sagen: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders.“ Im Kirchenfenster von Sandersleben ist genau dies abgebildet – auf dem Reichstag zu Worms…

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge“: Für Luther hieß das aber ganz und gar nicht: Ich will tun und lassen, was ich will. Er hat in seiner Freiheitsschrift nämlich noch einen anderen Satz daneben gestellt. „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Freiheit hat nämlich mit Verantwortung zu tun und mit Nächstenliebe. Christen tun, was dem Nächsten nützt. Christen tun, was das Zusammenleben besser und das Leben der anderen leichter macht. Dazu nutzen sie ihre Freiheit. Christen sind frei. Aber wenn es für andere wichtig und gut ist, dann sind sie bereit, ihre Freiheit einzuschränken. Denn meine Freiheit endet da, wo die des anderen anfängt. Wenn es für Alte und Kranke, wenn es für das Gesundheitssystem besser ist, dann bin ich bereit, Abstand zu halten und die Hände zu waschen und eine Maske anzuziehen.

Liebe Besucherinnen und Besucher unserer Gemeinden!

Bereits im März habe ich mir lange überlegt, was ich schreibe. Was ist wichtig, was hilfreich und wurde in den vergangenen Wochen nicht schon oft gesagt oder geschrieben. Ich weiß, dass es mir auch heute nicht ganz gelingen wird, aber ich versuche es trotzdem. Mir fällt da ein Beispiel ein. Schon zu allen Zeiten wurden die Kinder, wenn sie aus der Schule kommen, gefragt: "Na, was hast du denn heute gelernt?!"

Endlich können das Eltern und Großeltern auch jetzt wieder fragen, ob es den Kindern nun gefällt oder nicht. Ich richte diese Frage heute an uns alle: Was haben wir in den vergangenen zwei Monaten gelernt? Können wir darauf überhaupt eine Antwort geben?

Ich versuche nur für mich zu antworten, denn ich weiß ja nicht, was Sie auf diese Frage antworten würden.
Ich habe gelernt, dass auf einmal alles ganz anders war und leider immer noch ist.

Und ich musste feststellen, dass ich nichts, aber auch gar nichts daran ändern kann. Plötzlich waren Dinge, die vorher ganz wichtig erschienen unwichtig.

Termine und Veranstaltungen müssen abgesagt oder verschoben werden.
Ich habe neu gelernt, dass nicht alles selbstverständlich ist.

Ich denke, ich bin demütiger geworden. Demut ­ was für ein Wort?
Irgendein schlauer Mensch hat dazu gesagt: "Der Demütige nimmt die Wirklichkeit an, ohne vor ihrer Härte zurückzuschrecken." oder "Zur Demut kommt man weder durch Gehorsam, noch durch Absicht. Zur Demut kommt man durch Erkenntnis."

Verstehen Sie mich nicht falsch: Keiner von uns hat sich diese Zeit mit ihren Einschränkungen gewünscht. Ich ganz gewiss nicht. Daran werde ich jeden Tag erinnert, wenn ich sehe, wie mein Enkelkind leidet, weil es nicht in die Kinderkrippe darf.

Ich bin kein Schmusetyp, aber ich vermisse die Nähe anderer lieber Menschen jetzt sehr. Und ich hoffe, dass ich mir das Gelernte merke und nicht wieder ganz vergesse.

Mit den Konfirmanden hatten wir uns für ihren Abschlussgottesdienst das Glaubensbekenntnis von Dietrich Bonhoeffer ausgesucht. Ich zitiere kurz: 

"Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie uns nicht im voraus. ..."

Dietrich Bonhoeffer

Und nun doch noch ein kluger Spruch zum Schluss, in meiner Abwandlung:
Ich muss jeden Tag neu lernen, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Aber auch den Mut haben, Sachen zu ändern, die ich erträglicher machen kann. Und ich brauche Geduld und Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Aus Ohnmacht kann auch Kraft wachsen, darauf hoffe ich und das wünsche ich Ihnen für die kommende Zeit.

Eine schöne Zeit wünschen Ihnen Ihre Pfarrerinnen
Renate Lisock und Dorothee Schmitt

Ich habe Schwierigkeiten mit Äußerungen, dass in der "Corona­-Krise" eine große Chance liegt, dass nach dieser Zeit sich das Verhalten einer Gesellschaft ändern könnte, weil ich den Verdacht habe, hier soll vertröstet werden. Abgesehen davon, dass ich sehr wohl die Nöte und Ängste vieler verstehe, die sobald als möglich das "normale" Leben zurückhätten, gern wieder zur Arbeit gehen würden, um einfach den Lebensunterhalt zu verdienen.
Allerdings war ich schon beeindruckt, wie schnell sich ein ganzes Land umstellen kann: Kindergärten und Schulen wurden ganz schnell geschlossen, Großveranstaltungen abgesagt und Politiker bemühen sich in kräfteraubenden Sitzungen, riesige Mengen Geld für die Wirtschaft bereit zu stellen.
In der Tagesschau (13.5.20) wurde berichtet, dass die Bundesregierung jetzt prüft, in Krisengebieten bewaffnete Drohnen einzusetzen ­ also entgegengesetzt der Forderung von Antonio Guterres, dem Generalsekretär der UNO, der zu Beginn der globalen Pandemie gebeten hat: "Ich rufe zu einem sofortigen globalen Waffenstillstand auf". Diese Botschaft ­ eine wirklich große Chance in dieser Krise ­ wurde nur kurz ausgesendet, dann in der Fülle von Zahlen und Fakten zu Corona vergessen. Dabei wäre es gerade in Afrika, wo es so viele Kriegsherde gibt, wichtig alle Mittel und Möglichkeiten gegen den Virus einzusetzen. Dabei denke ich auch an das himmelschreiende Elend der vielen Geflüchteten... So kommt mir der Aufruf und das Nachdenken von Herrn Guterres ähnlich vor wie von einem, der es auch schon probiert hat: Mit guten Worten, mit großem Vertrauen, ohne Gewalt und Berechnung ­ Jesus Christus. Er endet fürs erste am Kreuz. Und auch damals scheint es so, als sei das kaum der Rede wert. Aber was sich dann daraus entwickelt hat, verändert unsere Welt bis heute!

Dorothee Schmitt

Während ich über die Jahreslosung von 2020 (s.o.) nachdenke, fällt mein Blick auf einen Würfel, den meine Kinder gestaltet haben und der auf den ersten Blick wie einer der Schicksalswürfel aussieht, mit denen manche an Silvester gern erfahren möchten: Was bringt das neue Jahr? Wird es ein enttäuschendes oder erfolgreiches?

Manche Menschen fühlen sich regelrecht wie ein Würfel ins Leben hineingeworfen - in Bedingungen, die sie sich nicht haben aussuchen dürfen. Da gibt es doch scheinbar Mächte, die uns ohne unseren Verdienst emporheben und Glück bringen, aber uns auch ohne unser Verschulden abstürzen lassen.

Aber der Würfel, den ich vor mir liegen habe, ist kein Spielwürfel, sondern ein Gebetswürfel, wie ihn viele christliche Familien für das Tischgebet einsetzen. Dieser Würfel spricht also weniger vom Schicksal oder Zufall, sondern von Gott, von dem wir glauben, dass er hinter dem "Spiel unseres Lebens" steht.

"Gott würfelt nicht", sagte einmal der berühmte Physiker Albert Einstein und meinte damit, dass für Gott auch das Kleinste Sinn und Bedeutung hat: alles, was geschieht, kann uns zu Gott führen. Was nach irdischen Maßstäben Verlust ist, kann im Lichte Gottes betrachtet ein großer Gewinn sein - und umgekehrt.

Von dieser Zwiespältigkeit von Hoffnung auf Heilung, auf Liebe, auf Freude, auf Sicherheit - und andererseits der Angst vor der Enttäuschung spricht die Begegnung des Vaters eines kranken Sohnes mit Jesus. Auch ich kenne Menschen, die sich nicht mehr erlauben zu hoffen, damit sie nicht enttäuscht werden, die unter der Zwiespältigkeit von Vertrauen und Zweifel und dem Wunsch, stärker vertrauen zu können, leiden.

Andere haben die Erfahrung gemacht, dass mit den Vertrauen zu Gott das Leben leichter wird. Nicht, dass Schweres erspart bleibt, doch Vertrauen hilft, es besser zu ertragen.

Ich glaube; hilf meinem Unglauben!

ist als Verzweiflungsschrei ein Gebet. Eine flehende Bitte um Gottes Hilfe, dass mein Glaube und mein Vertrauen stärker sind, als der Zweifel und der äußere Anschein, der meinen Zweifel nährt. Nach menschlicher Erfahrung ist der Wunsch des Vaters nach Heilung seines Sohnes unrealistisch. Vor den Augen Jesu packt den Sohn ein Anfall, er stürzt zu Boden, hat Schaum vor dem Mund. So offensichtlich ist die Krankheit, dass Heilung nicht möglich scheint. Nach menschlicher Erfahrung ist da nichts zu machen, besonders, da die Krankheit seit Kindesbeinen da ist.

Vertrauen heißt, Gottes Möglichkeiten höher einzuschätzen als menschliche Erfahrung. Um dieses Vertrauen kann ich Gott bitten. Am Ende der Geschichte fragen die Jünger Jesus, warum sie den Jungen nicht heilen konnten, und Jesus antwortete: "Diese Art kann durch nichts ausfahren, als durch Beten." Vielleicht bezieht sich das auf den "Dämon" Zweifel, der uns arg plagen kann.

In meinen Augen ist die Jahreslosung eine Einladung zum beständigen Gebet um Glauben und Vertrauen.

Wir schauen auch im Jahr 2020 in guten und in bösen Tagen auf den, der "nicht würfelt", sondern alles, was er geschaffen hat, mit seiner Liebe umfängt und zum Guten lenken will. Wir dürfen deshalb nicht ängstlich und sorgenvoll, sondern betend in die Zukunft gehen. Dann wird auch das kommende Jahr ein "Jahr des Herrn" und ein "Jahr des Heils" für uns werden.

Gottes Segen und viel Gutes für das Jahr 2020
wünschen Ihnen

Ihre Pfarrerinnen

Renate Lisock und Dorothee Schmitt

Von ganzen Herzen möchten Pfarrerin Lisock wie auch ich DANKE sagen, allen, die dazu beitragen, dass unsere Kirchengemeinden lebendige Gemeinden sind. Denn damit eine Gemeinde funktioniert, braucht es viele helfende Hände - Ihre Hände.

Mit vielen Veranstaltungen haben wir gemeinsam im Jahr 2019 den Menschen in unserer Region zeigen können, wofür wir als evangelische Kirche stehen und was wir an unserem Glauben lieben und wie wir ihn leben. Natürlich haben diese Veranstaltungen viel Zeit, Kreativität und Kraft gekostet. Wir könnten jetzt ganz viel aufzählen, aber Sie wissen, was alles gemacht wurde.

So gilt unser herzliches Dankeschön allen, die mitgemacht haben in der Kinderarbeit, in den Chören, Senioren- und Gemeindenachmittagen, Gottesdiensten, Gemeindefesten - auch in den Wohnzimmern der Nachbarn oder am Krankenbett. Danke für jede Hand, die mitgespült, Kaffee gekocht, Gemeindebriefe ausgetragen und die Straße gekehrt hat. Danke auch an alle, die mitgedacht und beraten haben.

Danke allen, die ihre Hände gefaltet und gebetet haben!

Ein Danke für das DA sein.

Pfrn. Schmitt

Zunehmend tun mir meine Augen weh, wenn ich nach einer langen Fahrt im Tunnel unvermittelt wieder dem grellen Sonnenlicht ausgesetzt bin... oder: es fällt mir schwer, den Kurs zu halten, wenn mir nachts ein Wagen mit voll aufgeblendeten Scheinwerfern entgegenkommt...

Meine Augen brauchen Zeit, vom Dunkel auf Hell umzuschalten, sie müssen sich langsam an das Licht gewöhnen. Im November und Dezember sehnen sich unsere Augen und unsere Seelen nach sanftem Licht.

Auch das Licht des Weihnachtsfestes bedarf einer Gewöhnungszeit. Denn es dauert seine Zeit, bis ich spüre und zugeben kann, dass ich dieses Licht brauche, dass ich mich nach Gerechtigkeit und Frieden sehne, dass ich auf Orientierung, Wärme und Geborgenheit angewiesen bin, dass ich mir das Entscheidende im Leben nicht machen, sondern nur schenken lassen kann.

Es dauert seine Zeit, bis ich mich mit dem Gedanken anfreunden kann, dass wir einen im wahrsten Sinn des Wortes "heruntergekommenen" Gott haben mit einer Vorliebe für die Armen und die Außenseiter.

Es dauert seine Zeit, bis ich mich über die Botschaft freuen kann, dass Gottes Macht in seiner Ohnmacht und Gottes Größe in einem kleinen Kind verborgen ist.

Es dauert seine Zeit, bis mir klar wird, dass Weihnachten auch durch mich Wirklichkeit werden kann, dass Jesus auch durch mich zur Welt kommt, wenn ich etwas von seinen Zielen und Idealen, von seinem Gottvertrauen und von seiner Mitmenschlichkeit in meine Umgebung hineintrage.

Ich brauche den Advent, damit ich sehen lerne, wo und wie Gott in meinem Leben ankommen will.

Ich brauche den Advent, um mich auf die Begegnung mit Jesus vorzubereiten, damit ich an ihm ablesen kann, wie Gott sich echtes und überzeugendes Leben vorstellt.

Ich brauche den Advent, die Zeit des langsam wachsenden Lichts damit Weihnachten nicht blendet....

Hilfreich dabei für mich ist der "lebendige Adventskalender" im Wippertal (18.00 Uhr), der mich behutsam in die Adventszeit begleitet

Gottes Weihnachtswelt ist voller Boten und einige sind unterwegs zu Dir. A. Goes

Mit diesem Wunsch grüßen wir sehr herzlich und wünschen Ihnen eine besinnliche Adventszeit und gesegnete Weihnachten!

Ihre Pfarrerinnen

Renate Lisock und Dorothee Schmitt

500 Jahre St. Marien Sandersleben

Samstag, den 17.08.19, 17.00 Uhr
Festliches Konzert

Sonntag, den 18.08.19, 14.00 Uhr Ökomenischer Festgottesdienst zum 500. Kirchweihjubiläum

danach: Speisen und Getränke, Zumpftausstellung - Handwerker stellen ihre Arbeit vor (Weber, Spinner, Steinmetz, Kürschner, Papierschöpfer)

Ausstellung in Schackstedt

Sonntag, 11.08.2019, 17.00 Uhr
Schackstedt - Konzert zur Ausstellung der Projektgruppe "Geschichte in der Kirche"

Viele helfenden Hände haben das Gemeindeleben im vergangenen Jahr wunderbar mitgestaltet! Dafür gilt ein sehr herzliches Dankeschön allen, die Kraft und Zeit aufgewendet haben für Ihre Kirchengemeinde! Ob als Mitglieder der Gemeindekirchenräte oder Verantwortliche für die Kirchenkassen, ob durch Kirchenputzen oder Glockenläuten, ob durch Blumen- und Kuchenspenden es ist überwältigend, wie viel ehrenamtlich in den Gemeinden geschieht und manchmal ist es kaum sichtbar und dennoch essentiell!

Ein großes Dankeschön gilt auch allen, die gespendet haben durch Ihre Spenden, wie auch das "Kirchgeld" und die Kirchensteuer ist gerade auch im Erhalt der Gebäude vieles gelungen! Erwähnen möchte ich an dieser Stelle, dass es in der Anhaltischen Kirche auch im Jahr 2019 die Möglichkeit der VERDOPPELUNG gibt, d. h. Ihre Spenden werden durch die Landeskirche verdoppelt!

Spendenübergabe

Im Rahmen des jährlichen Weihnachtsmarktes in Mehringen am 8.12.2018 veranstalteten Peter und Petra Eichardt ein weihnachtliches Fotoshooting.

Gegen eine Spende für die Sanierung der Mehringer Kirchenglocken konnte jeder ein Foto von seinen Liebsten bekommen.

Bei dieser Aktion sind 175 Euro zusammengekommen und wurden noch am selben Abend an Rosi Lange übergeben.

Christine Hermsdorf

Liebe Geschwister!

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Vermutlich wird dieses [nebenstehende] Lied in keinem Gottesdienst am Heiligen Abend gesungen, vielleicht gehört es sogar zu den am wenigsten gesungenen Gesangbuchliedern aus der Abteilung „Weihnachten“. Und das liegt weniger an der modernen Melodie, sondern hier sicher am Text. Mit ihm stellt sich Jochen Klepper quer zu der seligen oder sollte ich sagen rührseligen Weihnachtsstimmung. Dabei kommen in den ersten vier Strophen durchaus die zu Weihnachten üblichen Stichworte vor: „Kind“, „heilge Zeit“, „Freudenlicht“, „Freudenhall“. Doch der jeweils kurzen Beschreibung der Weihnachtsstimmung und des Weihnachtstrubels folgt jeweils ein „Aber“ mit einer Anrede an das Kind, die das Leiden des Kindes jetzt und sein zukünftiges Schicksal bedenkt. Und der Kontrast zwischen der Beschreibung der Welt zu Weihnachten und dem, was das Kind erleidet und erwartet, kann nach Kleppers Meinung nur zu dem einen Ruf führen, mit dem die Strophen 1 bis 4 enden: „Kyrie eleison!“. Wir kennen diesen Ruf aus der Gottesdienstliturgie; es ist der Ruf der Schuldigen nach Vergebung.

Aber wieso müssen wir denn Weihnachten Schuld bekennen, um Vergebung bitten? Die erste Strophe sagt es unüberhörbar: „Wir gedenken an dein Leid, das wir durch unsere Schuld auf dich gebracht.“

Der Lobgesang der Engel, die Anbetung der Hirten und durch die Weisen, erst recht das ganze Drumherum, zugewachsen im Laufe der Jahrhunderte, lässt uns vergessen, warum denn überhaupt die Geburt Jesu geschah. Sie geschah, weil Gott keinen anderen Weg sah, uns Schuldige zu erlösen, uns Gottvergessene mit sich zu versöhnen.

Die Geburt Jesu, ja, sie ist der Anfang der Erlösung, ja. Gefeiert werden aber kann sie doch nur von solchen, die um ihre Schuld wissen und unter ihr leiden. Ansonsten wird die Geburt Jesu ein bedeutungsloses Beiwerk Gottes, schöner Zierrat und Folklore.

Schuldig werden wir auch durch Vergesslichkeit. Wir vergessen, dass die Geburt schon der Beginn des Leidens, der Passion Jesu, ist. Nicht nur jetzt die ärmliche Krippe, in ein paar Tagen die Flucht nach Ägypten, lässt das Kind leiden, sondern für den, der aus dem Kind wird, steht das Urteil schon fest. Gegen die von uns vorgenommene Trennung von Weihnachten und Passion wendet sich der Dichter und bringt sie wieder zusammen.

Und schuldig werden wir schließlich durch ein Schema von Verheißung und Erfüllung, das ganz und gar unbiblisch ist: Adventskränze, Adventskalender und viele andere Bräuche suggerieren: Nach einer Zeit des Wartens, der Adventszeit, bringt Weihnachten die Erfüllung. Nach der Bibel aber ist Weihnachten der Beginn der Erlösung. Die Erlösung der Welt ist noch nicht vollendet, es wartet – um mit Paulus zu sprechen – die ganze Schöpfung seufzend auf die endgültige Erlösung, die erst mit dem Beginn der neuen Welt Gottes eintritt. Die letzte Strophe des Liedes macht dies wieder deutlich:

Erst dann, in Gottes neuer Welt, sind die Kehlen derer, die um das gegenwärtige Leid und die gegenwärtige Schuld wissen, nicht mehr zugeschnürt, sondern sie und das Herz sind „zum Gesange weit“, erst dann wird das „Kyrie eleison“ abgelöst durch das „Hosianna“.

„Gott macht keinem das Singen leicht“, schrieb Jochen Klepper in eines seiner Tagebücher. Eben, dunkel und hart ist dies Lied, kein Gassenhauer und nicht rührend. Es schwingt sich nicht selig aus der Wirklichkeit empor oder stiehlt sich heimlich davon. Darum aber, und nur darum, hält es der Wirklichkeit auch nach Weihnachten stand.

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen

Ihre Pfarrerin Dorothee Schmitt